I

Natalie kommt ins 9. Schuljahr und freut sich auf den Wahlpflichtunterricht (WPU). Sie darf auswählen unter: Ernährung und Gesundheit, Spanisch, Sport und Bewegung, physikalisches Experimentieren. Sie erfährt, dass sie nirgendwo unterkommt, weil es zu wenige Lehrer gibt und die Kurse nicht zu groß sein sollen. Sie muss nun bei der Schulband mitspielen und protestiert heftig, denn sie spielt kein Instrument und hat in Musik eine schwache Vier. Es hilft ihr nichts. In der ersten Stunde trifft sie auf 15 frustrierte Band-Zwangsmitglieder, von denen neun kein Instrument spielen. Der Musiklehrer nimmt es gelassen: Jaja, ich bin hier der Ausputzer und soll mit euch Kacktruppe was machen. Geht schon, irgendwas mit Trommeln oder Xylophongebimmel kriegen wir schon hin.“

Natalie hasst diesen Lehrer für seinen Zynismus. Das Vertrauen in ihre Schule als fördernde, sinnstiftende Einrichtung ist dahin. Bei jeder Gelegenheit zitiert sie nun aus dem Schulprogramm: „Unsere Schule lebt aus der Achtsamkeit und Wertschätzung für alle Menschen.“

 

II

Herr R ist Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche in einer Hessischen Kleinstadt. Alle seine Patienten gehen zur Schule.Immer nach den Sommerferien brechen seine Einnahmen um die Hälfte ein, und sein Terminkalender wird für zwei Wochen zur Baustelle. So lange brauchen die Schulen, bis die Stundenpläne „stehen“ und der Therapeut verbindliche Termine mit den Kindern ausmachen kann. „Was bei Schuljahresbeginn an Unterrichtsausfall und Desorganisation passiert, ist ein Skandal. Wenn man dann noch sieht, dass auch zwei Wochen  v o r  den Sommerferien ein geordneter Unterricht nicht mehr stattfindet, kommen die Kinder auf zehn Wochen fast lernfreie Zeit.“ Natürlich begrüßen die Kinder scheinbar diese schlampige Entlastung; aber der Therapeut weiß, dass sie eigentlich zielgerichtet arbeiten möchten und unter der Unordnung stark leiden. „Verlässliche Strukturen sind für alle Kinder essentiell. Schulleitungen und Kollegien nehmen das nicht ernst und machen aus der Schule ein fast amorphes Gebilde“, resümiert der Therapeut und konstatiert eine massive Vergeudung von Steuergeldern.

III

Studienrat Z unterrichtet Musik und Ethik am Gymnasium. Am Tag nach den Sommerferien wird er zum Direktor bestellt und erfährt, dass er ab sofort statt Musik 8 Stunden Erdkunde und 8 Stunden Kunstunterricht erteilen soll. Z ist entsetzt und empört. Beide Fächer kennt er nur aus Schülerzeiten; Kunst war ihm ein Gräuel. Von Didaktik und Methodik hat er eben so wenig Ahnung wie von den Inhalten beider Fächer.

Der Schulleiter weiß das auch, aber er muss „Prioritäten setzen“. Es herrscht akuter Lehrermangel, darum greift er auf „fachfremde Kompetenz“ zurück. Auf keinen Fall darf Unterricht ausfallen, das bringt die Eltern auf und schadet dem Ruf der Schule. Z soll sich von kundigen Kollegen erklären lassen, wie das Unterrichten geht. „Die gute Schule lebt doch vom Kooperieren.“

Herr Z gehorcht, liest jeweils vorab die Kapitel im Erdkundebuch und lÃäst sich von Kunstkollegen zeigen, wie Wasserfarben angerührt werden.

Ganz wichtig: Er darf Kindern und Eltern keineswegs sagen, dass er „fachfremd unterwegs“ ist. Nun lebt er in der Furcht, dass die lieben Kollegen sich verplappern. Ein ironischer Trost bleibt ihm: er unterrichtet weiterhin Ethik. Hier geht es zuweilen um Wahrhaftigkeit und Mündigkeit der Person, um Kongruenz von Sprechen und Handeln.