Sibylle hatte in der 5. Gymnasialklasse durchweg gute bis sehr gute Noten bekommen. Nach der Versetzung ging es mit ihren Leistungen rasch bergab. Misslungene Klassenarbeiten, das Halbjahreszeugnis, der „Blaue Brief“ zum Warntermin fruchteten nichts. Mit zwei Hauptfach- und zwei Nebenfachfünfen blieb sie sitzen und wurde „querversetzt“ in den Realschulzweig einer entfernt gelegenen Gesamtschule.
Sibylle hatte diese Entwicklung ohne erkennbare Reaktion hingenommen. Der Klassenlehrer konnte sich das alles nicht erklären und hatte die Eltern zweimal zum Gespräch gebeten. Sie waren nicht gekommen.
Am vorletzten Schultag raffte Sibylle sich auf; sie wollte endlich etwas tun. In der zweiten großen Pause erschien sie im Sekretariat und erklärte, unbedingt den Direktor sprechen zu müssen. Die Sekretärin lehnte das brüsk ab. Da ging das Kind an ihr vorbei durch die geöffnete Tür ins Direktorzimmer und erklärte dem völlig verdutzten Schulleiter, er müsse etwas für sie tun.
Bevor er überhaupt reagieren konnte, sprudelte Sibylle in einem Wortschwall alles heraus, was sich im Schuljahr in ihr angestaut hatte:
Sie lebte abwechselnd bei den geschiedenen Eltern, die sich gegenseitig beim Jugendamt – erfolglos – wegen Vernachlässigung des Kindes angezeigt hatten. Zehnmal im letzten Jahr hatte Sibylle die Wohnung gewechselt, war gependelt zwischen der psychisch kranken Mutter („Borderline“ wusste Sibylle) und dem trunksüchtigen Vater. Bei dieser Umzieherei waren allmählich die Schulsachen verloren gegangen, und Lernen sei unter solchen Umständen sowieso unmöglich gewesen. Sie wolle unbedingt in ein Kinderheim, dann hätte sie endlich Ruhe und könnte wieder mit gutem Erfolg lernen. Das Sitzenbleiben sei ja in Ordnung, aber sie müsse unbedingt an dieser Schule bleiben – auch wegen ihrer Freunde, die zu ihr halten. Sonst habe sie ja niemanden.
Der Direktor unterbrach sie und sagte gemäß Sibylles Erinnerung:
„Das ist eine Unverschämtheit, einfach so hier hereinzuplatzen! Was bildest Du Dir eigentlich ein? Was glaubst Du, wie viele Scheidungskinder hier rumlaufen? Müssen wir für euch vielleicht eine Sonderschule aufmachen? Raus jetzt!“
