Der Dolmetscher

Der achtjährige Jorgos stammt aus Griechenland, lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter seit sechs Jahren in Deutschland und hat in der Schule Förderunterricht wegen großer sprachlicher Defizite (Lesen, Schreiben,
Wortschatz). Zudem macht er disziplinarische Probleme.

Die Klassenlehrerin L. lädt die Mutter zu einem Gespräch ein. Die Mutter spricht allerdings kein Deutsch. Im Kollegium gibt es niemanden, der Griechisch kann. Also braucht man einen Dolmetscher. Die Schulleiterin kann sich „keinen aus den Rippen schneiden“ und ermuntert Frau L., doch den Sohn Jorgos dolmetschen zu lassen. Gesagt, getan.

Jorgos soll also seiner Mutter mitteilen, dass er unaufmerksam ist, den Unterricht stört, seine Sachen nicht dabei hat und öfters bei der Unwahrheit ertappt worden ist. Er soll die dringende Ermahnung an die Mutter weitergeben, seine Erziehung und Kontrolle mit mehr Nachdruck zu betreiben. Die jeweilige Reaktion der Mutter auf die Kritikpunkte bildet die andere Hälfte von Jorgos ́ Kommunikationsauftrag. Jorgos tut seine Pflicht. Frau L. ist zufrieden. In den Schulakten ist ein erfolgreiches Elterngespräch vermerkt.

Eigentlich ist die Folter in Deutschland seit Friedrich II. abgeschafft…

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