Die 15jährige Janet hat zunächst „nur zwei Fragen“:
1. „Was sind Honoratioren?“
2. „Darf ich in meinem Alter gegen den Willen der Eltern eine Psychotherapie machen?“
Die erste Frage klärt sich im Licht der Information, dass der Vater die Bezirkssparkasse leitet und dessen Bruder Oberstaatsanwalt ist. Beide haben Janet erklärt, dass wegen dieser Positionen beide Familien zu den Honoratioren der Stadt gehören und der Ruf der Familien „absolut unantastbar ist“. Deshalb komme eine Therapie nicht in Frage, weil Therapeuten trotz der ärztlichen Schweigepflicht oftmals nicht „dichthielten“ und es dadurch zu Gerüchten und Klatsch kommen könne.
Janet glaubt, dass eine Psychotherapie der einzige Weg für sie ist, „diese Scheiße auch nur zu überleben:“ Mike, 18, Sohn des Oberstaatsanwalts, hat Janet vor zwei Monaten sexuell attackiert, vergewaltigt und misshandelt. Über Einzelheiten will und kann sie nicht sprechen. Sie kennt inzwischen ein Video des Vorgangs. Mike hatte sein Handy verloren; der Vater hatte es – ungesperrt – im Garten gefunden und beim Berühren des Bildschirms das Video ausgelöst. Eilige Gespräche mit dem Bruder und den Müttern dienten der Eindämmung des Unglücks. Mike soll sich bei Janet „entschuldigen“, Mikes Vater zahlt Janet „eine Art Schadensersatz“ von 10.000 €, und Janet wird darauf eingeschworen, auf jede Art von Weitergabe einschließlich Strafanzeige „für jetzt und für immer“ zu verzichten. In ihrer Hand, sagen die Erwachsenen, läge ab jetzt die Ehre der Familie. Janet stimmt zu.
Da sie jemandem zum Reden braucht, vertraut sie sich der Schulsozialarbeiterin an. Diese kann das Geheimnis nicht für sich behalten und informiert die Klassenlehrerin, die nun den Schulleiter informiert. Und dieser bestellt Janet zu einer „grundsätzlichen Aussprache“ ins Direktorzimmer und erklärt ihr, dass eine große Verantwortung auf ihr liege, der sie aber gerecht werden müsse und auch könne: Mike, der auf dieselbe Schule geht, habe Anspruch darauf, ungestört sein Abitur zu machen. Das gehe schon aus dem Grundgesetz hervor. Zudem sei die Sparkasse ein wesentlicher Sponsor der Schule; diese Förderung wolle Janet doch gewiss nicht „kaputtmachen“. Die größte Gefahr aber drohe doch ihr, Janet. Durch ihre „Indiskretion“ wüssten schon drei unbeteiligte Personen an der Schule von dem Vorfall. Wenn es durch Weitererzählung oder gar eine Strafanzeige zu einem Prozess gegen Mike komme, sei vor allem sie die Leidtragende. Sein Vater sei Oberstaatsanwalt und kenne sich aus mit solchen Dingen und Mikes Verteidiger „wird dich als Schl#mpe in die Tonne treten. Das überlebst du nicht!“
